Bitcoin: Bullen vs Realität
Fehlt die Kapitulation?
Aloha zusammen,
richten wir den Fokus heute gezielter auf die Geschehnisse innerhalb der Kryptomärkte und klammern die makroökonomischen Inhalte ein wenig aus – auch wenn diese aufgrund der globalen Gemengelage und der engen Verflechtungen natürlich niemals komplett zu trennen sind.
Wo stehen wir also aktuell? In den letzten Wochen war ich sehr fokussiert auf die Warnsignale. Für den heutigen Report habe ich mich ganz bewusst einmal in die Perspektive der Bullen begeben, um zu prüfen, welche Parameter dafür sprechen, dass wir das Tief bereits gesehen haben. Ich stelle diese Argumente dem aktuellen On-Chain-Bild gegenüber. Also, let’s go.
Disclaimer: Die geäußerten Ansichten sind die persönlichen Ansichten des Autors und sollten nicht als Anlageberatung herangezogen werden.
Die Perspektive der Bullen: Ist der Boden drin?
Wenn man der These Glauben schenken möchte, dass der schlimmste Verkaufsdruck bereits hinter uns liegt, dann lassen sich dafür durchaus valide Parameter in Betracht ziehen:
Supply im Profit
Betrachtet man den Prozentsatz des zirkulierenden Bitcoin-Angebots, der sich im Profit befindet, fällt auf, dass dieser Wert in den zyklischen Tiefpunkten über die Jahre hinweg immer höhere Tiefs gebildet hat. Selbst wenn man die Short-Term Holder einbezieht, zeigt sich eine fundamentale Resilienz. Nach dieser Theorie speichert das Netzwerk von Zyklus zu Zyklus mehr Wert, was darauf hindeuten könnte, dass wir den absoluten Makro-Boden bereits hinter uns gelassen haben.
Prozentuale Verteilung der Coins im Profit
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Verteilung der Coins, die selbst am tiefsten Punkt des Marktes noch im Plus waren: Dieser Prozentsatz steigt von Zyklus zu Zyklus an. Allerdings müssen wir hier direkt ein großes Aber einfügen: Diese Metrik wird massiv durch die Long-Term Holder verzerrt. Viele dieser LTH halten ältere Coins über Jahre hinweg und verkaufen selbst in schweren Krisen nicht. Der Anstieg des profitablen Angebots im Tief könnte also schlichtweg ein Nebenprodukt einer wachsenden, passiven Hodler-Basis sein und weniger ein Zeichen aktueller Marktkraft.
12-Monats-RSI
Bereits Anfang März hatte ich über den 12-Monats-RSI gesprochen. Historisch gesehen haben Regionen zwischen 39 und 44 Punkten in dieser Metrik die ultimative Bodenzone markiert. Im Februar haben wir einen Wert von 41 erreicht. Ein starkes Argument für die Bullen – wäre da nicht die zeitliche Komponente. In der Vergangenheit wurde diese Region immer erst etwa ein Jahr nach dem Erreichen des eigentlichen Zyklus-Hochs angelaufen. In diesem Zyklus passierte es nach gerade einmal vier Monaten. Diese enorme Beschleunigung lässt Raum für Spekulationen: Haben wir den Zyklus im Zeitraffer durchgespielt, oder steht die echte Bereinigung erst noch bevor?
Warum die echte Kapitulation noch fehlt
Diese bullischen Punkte sind zweifellos diskutable Anhaltspunkte. Auf der Gegenseite finden sich jedoch die – meiner Meinung nach – deutlich schwerwiegenderen Thesen, die dafür sprechen, dass Bitcoin noch einen steinigen Weg nach unten vor sich hat.
NUPL
Der NUPL (Net Unrealized Profit/Loss) bildet das Gesamtsentiment des Marktes ab. Er zeigt mathematisch, was Bitcoin-Halter unterm Strich gewinnen oder verlieren würden, wenn sie ihre Positionen zum aktuellen Zeitpunkt liquidieren würden. Berechnet wird er über das Verhältnis von unrealisierten Gewinnen und Verlusten zur gesamten Marktkapitalisierung (NUPL = (Market Cap - Realized Cap) / Market Cap).
Historisch betrachtet waren die Phasen, in denen der NUPL unter die kritische Linie von 0 fiel, die absolut besten Kaufgelegenheiten für Bitcoin. In diesen Bereichen haben die Investoren kapituliert. Schauen wir auf den aktuellen Chart, stellen wir fest: Wir sind bisher noch nicht einmal ansatzweise in diesen negativen Bereich vorgedrungen. Der Markt hält nach wie vor an zu viel Optimismus fest.
Kapitulation im Verlust
Wenn wir untersuchen, ob wir bereits eine echte, finale Kapitulation im Markt gesehen haben, lautet die Antwort: Nein. Im Gegensatz zu allen vorherigen Zyklen blieben die Verkäufe im großen Verlust bisher extrem begrenzt.
Das zeigt uns die Realized Profit/Loss Ratio. Diese Kennzahl teilt die gesamten realisierten Gewinne durch die gesamten realisierten Verluste in einem bestimmten Zeitraum und gibt uns damit einen direkten Einblick in die Marktpsychologie:
Ratio > 1: Es werden mehr Gewinne als Verluste realisiert (bullisches Sentiment)
Ratio < 1: Es werden mehr Verluste als Gewinne realisiert (bärisches Sentiment)
Ratio ~ 1: Ein neutraler Markt im Gleichgewicht
In den absoluten Tiefpunkten der vergangenen Bärenmärkte sackte diese Ratio im Zuge panischer Verkäufe immer in den Bereich von 0,1 ab. In der aktuellen Korrektur lag unser Tiefstwert bisher bei gerade einmal 0,4. Das bedeutet, dass der finale Abverkauf, bei dem die schwachen Hände ihre Positionen in den Markt werfen, schlichtweg noch nicht stattgefunden hat.
Das Retail-Interesse schwindet: Robinhood im enormen Einbrüchen
Dass wir uns in einer klassischen, zermürbenden Marktphase befinden, in der das Interesse von Retail komplett austrocknet, lässt sich hervorragend am Zustand der Krypto-Broker ablesen. Robinhood liefert uns hier ein unmissverständliches Signal: Im Jahresvergleich sind die Krypto-Umsätze der Plattform um 47 % eingebrochen. Als Konsequenz versucht das Management nun strategisch, die Abhängigkeit vom volatilen Kryptogeschäft nachhaltig zu reduzieren (Quelle: Coindesk).
Diese Entwicklung deckt sich eins zu eins mit dem kontinuierlich sinkenden Spot-Volumen an den Börsen. Es gibt aktuell einfach keine frische, externe Nachfrage, die den Markt organisch tragen könnte. Was wir sehen, ist ein zirkuläres Spiel unter den verbliebenen Marktteilnehmern.
Liquidity Peak und Zins-Falle
Um das Bild abzurunden, müssen wir trotz des Krypto-Fokus auf die übergeordnete Liquidität schauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Federal Reserve in diesem Jahr die Zinsen noch einmal anheben wird, liegt mittlerweile bei über 50 %. Ein solches Szenario ist traditionell pures Gift für Risk-On-Assets.
Die globale Geldmenge ist zuletzt zwar weiter angestiegen, das hatte jedoch einen spezifischen Grund: Die Fed und das US-Treasury Department haben seit Oktober über verschiedene Kanäle rund 600 Milliarden USD an zusätzlicher Liquidität in das System gepumpt – weitaus mehr, als ursprünglich anzunehmen war. Das ist der eigentliche Grund, warum Bitcoin und der breitere Kryptomarkt seit Februar überhaupt so viel Resilienz zeigen konnten.
Das Problem: Wir erreichen nun sehr offensichtlich langsam das Topping-Level, dieser künstlichen Liquiditätszufuhr. Da dieser jüngste Anstieg fast ausschließlich auf das gezielte Eingreifen der FED und des US-Finanzministeriums zurückzuführen ist, wird es für Risiko-Assets in der Breite zunehmend schwerer, die aktuelle Stärke beizubehalten.
Seit nunmehr vier Wochen verzeichnet Bitcoin eine deutliche Underperformance gegenüber der Nasdaq und dem S&P 500, die weiterhin von den extremen Bewertungen der KI-Stocks getrieben werden. Dem Kryptomarkt fehlt die inhärente, fundamentale Stärke. Aus diesem Grund bleibe ich meiner übergeordneten These treu und visiere für die kommenden Wochen tiefere Preisregionen an.
Geopolitischer Exkurs: Ein Schein-Frieden im Iran
Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Reports kursieren verschiedene, bisher jedoch unbestätigte Meldungen über eine möglichen Verlängerung der Waffenruhe im Iran-Konflikt und eine potenzielle Wiederöffnung der Straße von Hormuz. Zum Wochenstart (Dienstag) könnte dies die Märkte kurzfristig positiv stimmen und den Ölpreis unter Druck setzen.
Mittelfristig solltet ihr euch davon jedoch nicht blenden lassen. Selbst bei einer politischen Einigung sind die strukturellen Schäden der Blockade nicht über Nacht vom Tisch. Es wird Monate dauern, bis die globalen Lieferketten, Schiffsrouten und die maritime Logistik in der Region wieder vollständig hergestellt sind. Eine schnelle Normalisierung der Ölpreise auf das Vorkriegsniveau halte ich kurzfristig für unrealistisch. Die strukturellen Belastungen für die Märkte und der damit verbundene inflationäre Druck bleiben uns erhalten.
Das war es für heute - Ich hoffe, ich konnte einige wertvolle Einblicke in meine Gedanken liefern.
Maloha
Stay Humble. Stay Curious. Enjoy the Journey.
Disclaimer: Die geäußerten Ansichten sind die persönlichen Ansichten des Autors und sollten nicht als Anlageberatung herangezogen werden.










